„Ich interessiere mich lieber für Doggen als für Dogmen“

Rupert Sheldrake erforscht seit Jahren die außersinnlichen Fähigkeiten von Haustieren. Am 9. November stellt er sein neues Buch „Der siebte Sinn der Tiere" in Hamburg vor. Aus diesem Anlass traf KGS-Mitarbeiter
Christian Salvesen den weltberühmten Biologen in Freiburg

sheldrake 10.JPG (8385 Byte)Es muss gegen drei Uhr morgens gewesen sein, als ich aus dem Schlaf schreckte. Irgendetwas bewegte sich auf der Bettdecke. Der warme Körper eines Tieres, dem Gewicht nach eine Katze. Kein Zweifel: Er war es! Er musste es sein! Zurückgekehrt nach einem halben Jahr, nachdem ihn alle totgeglaubt hatten. „Schnulli ist hier!" Eva wachte neben mir auf.

Wir hatten den Kater, der unserer Vermieterin gehörte, gelegentlich mit einem Würstchen verwöhnt, hatten seinen Dreck aufgewischt – und wie hatten wir den alten, kratzfreudigen Griesgram mit seinen kleinen weißen Flecken auf schwarzem Fell lieb gewonnen! Ungläubig starrten wir auf das uns eigentümlich vertraute Wesen, das uns, was früher nie passiert war, in unserem Bett besuchte und uns nun ins Gesicht miaute: „Ja, ja, ich bin’s wirklich, auch wenn mein schönes dunkles Fell so hässlich braun geworden ist!"

Wusste Schnulli, dass wir am nächsten Morgen umziehen würden? War er gekommen, uns Lebewohl zu sagen? Er blieb 20 Minuten, ließ sich streicheln, schnurrte zufrieden. Wir hörten später, dass er bald darauf wieder verschwand, diesmal auf Nimmerwiedersehen.

„Solche Geschichten kenne ich gut," schmunzelt Rupert Sheldrake. Wir sitzen nach seinem Vortrag über „Die Seele als Feld" bei einem Glas Wein in einem Freiburger Lokal. „Tausende von Tierliebhabern und Amateurforschern haben mir aus aller Welt geschrieben. Sie erzählen, wie ihre Hunde, Katzen oder Pferde etwas zu wissen oder zu spüren scheinen, was sie nicht über die normalen fünf Sinne erfahren haben können. Wir haben in London mittlerweile ein riesiges Archiv. Berichte über Katzen, die den Hörer von der Gabel reißen und ins Telefon miauen – doch immer nur dann, wenn Herrchen oder Frauchen dran sind. Oder über Hunde, die in freudiger Erwartung ihres Halters mit dem Schwanz wedeln, lange vor dessen Ankunft – mit der sonst keiner gerechnet hat. Es gibt Telepathie und sie hängt mit den morphischen Feldern zusammen."

Auf dem Gesicht des 55-Jährigen spielt das verträumte Lächeln eines Jungen, der von Tierabenteuern erzählt. Mit seinen „morphischen Feldern" schockiert der Biologe Rupert Sheldrake seit zwei Jahrzehnten die offiziellen Vertreter einer Natur-Wissenschaft, die sich vor der Natur zu drücken scheint statt sie unvoreingenommen aufzusuchen und zu erforschen.

„Die Verbindung zwischen Mensch und Tier ist viel tiefer, als wir wahrhaben wollen," sagt Rupert Sheldrake und ergänzt: „Hunde waren die ersten Haustiere des Menschen. Sie halfen ihm schon vor hunderttausend Jahren bei der Jagd, bewachten später seine Viehherden und brachten ihm vielleicht sogar soziales Verhalten bei. Heute hat in den USA fast jeder zweite Haushalt wenigstens ein Haustier. Leider werden auch alljährlich Millionen von ausgesetzten, herumstreunenden Hunden und Katzen eingeschläfert. Dennoch erfüllen Haustiere, wie unzählige Beispiele belegen, eine Aufgabe, die man nicht hoch genug schätzen kann. Sie werden zu Freunden. Nicht nur alte Menschen finden Trost bei ihnen. Sie wirken therapeutisch. Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier ist frei von Verstellung. Sie ist natürlich und einfach."

Und dennoch unbegreiflich: Dass sich ein Schwarm von Vögeln, Fischen oder Bienen wie auf Kommando gleichzeitig umformiert und die Richtung ändert. Dass Brieftauben und Störche, Aale und Wale über hunderte und tausende von Kilometern ihren Schlag, ihr Nest, ihren Geburtsort oder ihr Ehebett finden. Dass die Dogge Helga weint, noch bevor der Anruf aus dem Krankenhaus kommt: Ums Herrchen steht es gar nicht gut!

„Es ist zwar richtig, eine skeptische Haltung einzunehmen, weitere Fragen zu stellen und sich darüber im Klaren zu sein, dass Menschen sich irren können," schreibt Sheldrake in seinem neuen Buch über den siebten Sinn der Tiere. „Aber manche Leute tun aus Prinzip alle Aussagen von Hundehaltern einfach ab. Eine derart zwanghafte Skepsis rührt von dem Dogma her, dass Telepathie unmöglich sei. Meiner Meinung nach stehen derartige Vorurteile einer aufgeschlossenen wissenschaftlichen Forschung im Wege. Sie sind nicht wissenschaftlich, sondern antiwissenschaftlich. Ich interessiere mich lieber für Doggen als für Dogmen."

Eine Theorie sollte für etwas (sei es sinnlich oder übersinnlich) die einfachste Erklärung liefern, auf möglichst wenigen Voraussetzungen aufbauen und sich in der Erfahrung bewähren. Dieses „Rasiermesser-Prinzip" des mittelalterlichen Philosophen Occam ist einem Cambridge und Harvard Geschulten wie Sheldrake wohlvertraut. Er zitiert gerne „Occams razor". Für viele seiner gelehrten Kollegen gehören die morphischen Felder allerdings eher ins Reich der Metaphysik, jedenfalls nicht zur Biologie. Auch nicht zu jener Sektion, die sich mit Molekülen befasst. Obwohl doch diese Teilchen ebenso wenig mit unseren bloßen Sinnen zu erfassen sind wie Sheldrakes Felder.

Lässt sich die Entwicklung der Form (Morphogenese) – beispielsweise, dass aus einem Samenkorn ein ganz bestimmter Baum wird – durch die chemischen Bestandteile und den genetischen Code erklären? Sheldrake meint: Nein. Er möchte beweisen, dass dazu ein Bauplan höherer Art nötig ist und liefert drei Merkmale:

„Erstens: Morphogenetische Felder sind eine neue Art von Feld, die bislang von der Physik nicht anerkannt wird. Zweitens: Sie nehmen Gestalt an, entwickeln sich wie Organismen. Sie haben eine Geschichte und enthalten ein immanentes Gedächtnis aufgrund des Prozesses, den ich morphische Resonanz nenne. Drittens: Sie sind Teil einer größeren Familie von Feldern, den sogenannten morphischen Feldern."

Für die Existenz solcher Felder sprechen laut Sheldrake ganz alltägliche Erfahrungen mit dem siebten Sinn. Wenn ein Hund auf den geistigen Impuls seines räumlich weit entfernten Halters emotional reagiert – ohne Handy – dann müssen die beiden durch ein besonderes Feld verbunden sein, vergleichbar einem Magnetfeld, jedoch mit psychischen Eigenschaften. Der Biologe erinnert: „Dass ein Magnet Metallspäne anziehen oder abstoßen kann, wurde einst von Wissenschaftlern mit dem Begriff der Seele erklärt!"

Rupert Sheldrakes Werk spricht viele Aspekte des Lebens an. Es gibt Wissenschaftlern und Philosophen zu denken, inspiriert Naturliebhaber und Tierfreunde zu beobachten.

Die Phasen in Rupert Sheldrakes eigener Entwicklung zeigen: Hier ist jemand mit Ehrlichkeit, Mut und Hingabe bei der Sache. Ein Spürhund auf Wahrheitssuche. Rupert Sheldrake zu lesen ist inspirierend, ihm zuzuhören entspannend und unterhaltsam dazu. Christian Salvesen

Literaturempfehlung: Rupert Sheldrake: „Der siebte Sinn der Tiere"
1999, 416 Seiten, 39,90 Mark, Scherz Verlag
Rupert Sheldrake/Matthew Fox: „Die Seele ist ein Feld"
1998, 224 Seiten, 36,90 Mark, O.W. Barth

RUPERT SHELDRAKE: „Der siebte Sinn der Tiere"
Vortrag, 9. November, 20 Uhr

Eintritt: Vvk. 20 Mark, Ak. 25 Mark
Ort: Logenhaus, Moorweidenstraße 36, nahe Bhf. Dammtor

Karten bei der Buchhandlung Wrage, Telefon 45 37 06, Fax 44 24 69

 

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