Die Krise als Chance

Der Arzt und Psychotherapeut Ruediger Dahlke entwickelte Modelle, die Zusammenhänge zwischen Psyche und Krankheit aufzeigen. Er geht davon aus, dass Krankheit ein sinnvoller Prozess sein kann, der ungelöste seelische Probleme bewusst macht. Im Folgenden erklärt Ruediger Dahlke, wie wichtig Reifungskrisen und Rituale für ein gesundes, erfülltes Leben sein können

Das Wort Reifungskrise ist für uns doppeldeutig, verbindet es doch die positive Reifung mit der als negativ empfundenen Krise. Krise hat ebenfalls eine Doppelbedeutung und steht im Griechischen ursprünglich noch für Entscheidung. Das Schwert aus der Scheide ziehen, dieser urprinzipiell marsische Akt gehört also auch zum Krisengeschehen. Im Chinesischen steht das gleiche Wort für Krise, Gefahr und Chance, wodurch die ganze Tiefe eines Lebensabschnitts, den wir Krise nennen, zum Ausdruck kommt. Unsere konservative Grundeinstellung wittert bei jeder Veränderung im Leben vor allem Schlimmes und hat zu der schon gängigen Abschiedsformel geführt „Hoffentlich passiert nichts!“. Wir neigen dazu, nur den gefährlichen Aspekt der Krise zu sehen und die Chance zu übersehen, die auch darin läge, wenn wir bereit wären, etwas aus dieser Umbruchszeit zu machen.

Nicht nur, aber auch was Lebenskrisen angeht, neigen wir kollektiv dazu, Entscheidungen hinauszuschieben. Entscheidungsträger gehören zu einer seltener werdenden Art, die hochbezahlt - weil so selten - im Hintergrund die Fäden zieht. Von der Wirtschaft bis zur Aussteigerszene bietet sich ein ähnliches Szenarium. Moderne Kopfgeldjäger – neudeutsch Headhunter genannt – jagen die wenigen entscheidungsfähigen erwachsenen Manager, während Universitäten Heere von Fachidioten in den Arbeitslosenmarkt entlassen. Selbst in der spirituellen Szene, wo man es am wenigsten erwarten sollte, suchen viele statt Selbstbestimmung und -verwirklichung lieber Gurus, die für sie entscheiden, und „Sekten“, in denen sie vermeintlich geborgen sind. Die Suche nach Autoritäten, die sich anmaßen Entscheidungen abzunehmen oder stellvertretend zu fällen, beflügelt immer mehr Menschen.

Was die Lebensübergänge und -aufgaben angeht wird das Phänomen der aufgeschobenen und vertagten Entscheidungen in vieler Hinsicht deutlich. Wenn 60-jährige noch Kinder bekommen, haben sie dafür sicher ihre persönlichen Gründe und doch haben sie ebenso offensichtlich den richtigen Zeitpunkt verpasst. Aber nicht nur das Extrem verdeutlicht unser Problem. Auch die Tendenz, in den Zwanzigerjahren des eigenen Lebens, wenn es in biologischer Hinsicht günstig wäre Kinder zu bekommen, diese um fast jeden Preis zu verhüten, um sie dann in der Torschlusspanik der späten Dreißiger und frühen Vierziger zu einem hohen Preis zu erzwingen, wirft ein Licht auf die Entscheidungsschwäche zur rechten Zeit.

Verantwortung zu übernehmen gilt allmählich geradezu als gefährlicher Schritt, der besser unterbleibt, Eigenverantwortung wird zunehmend unpopulär. Dabei hätten wir die Fähigkeit zu antworten, wir wollen meist nur nicht. In der Hoffnung, später immer noch genug Zeit zu haben, wenn wir uns alle Möglichkeiten beliebig lange offen halten, verspielen wir wesentliche Chancen und verschlafen die maßgeblichen Übergänge des Lebens, indem wir uns nicht rechtzeitig entscheiden. Zwar planen wir Zeit und sparen sie überall ein, gewinnen dabei aber kaum je Lebenszeit, im Gegenteil, sie zerrinnt zwischen den Umbrüchen des Lebens, die wir mehr widerwillig durchleiden als bewusst erleben, geschweige denn erlösen.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir so ein eigenartiges Zeitkonzept haben, das selbst beim besten Willen nicht aufgeht. Immer mehr Menschen haben zwar immer mehr Zeit, da sie immer weniger arbeiten müssen, können aber immer weniger damit anfangen. Manche haben sogar beliebig Zeit, weil sie gar keine Arbeit mehr finden, und haben erst recht nichts davon, weil ihnen das Geld fehlt, sich all das zu leisten, was wir im Überfluss produzieren. Immer weniger Menschen haben dagegen immer mehr Arbeit und immer weniger Zeit. Sie hätten das Geld sich alles zu leisten, aber nicht die Zeit es zu tun. Bei diesem System kommt offensichtlich kaum jemand auf seine Kosten.

Ein großes Problem für moderne Menschen ist zudem, dass sie nicht durchschauen, dass die geläufige Gleichung „Zeit = Geld“ höchstens für den Hinweg von der Mitte des Lebensmandalas bis zu seiner Peripherie gilt. Auf dem Heimweg des Lebens, in seiner zweiten Hälfte stimmt die Umkehrung durchaus nicht: Man kann sich für Geld nämlich keine Zeit vom Schicksal kaufen. Die Frage, wieviel Zeit wir noch haben, die wesentlichen Weichen zu stellen, ist aber eine entscheidende nicht nur im individuellen Leben, sondern wohl auch bezüglich des großen Übergangs für uns alle in ein neues Jahrtausend.

Gravierend wirkt sich unsere Missachtung des Lebensmusters aus. Von der Namensschöpfung „Midlife-Crisis“ und der nicht unproblematischen gynäkologischen Modeerscheinung, die Wechseljahre mit Östrogenen zu kaschieren, abgesehen, gibt es von der Schulmedizin bisher kaum Beiträge zur Bewältigung der Lebenskrisen. Dies ist besonders bedauerlich, da es wohl zu keiner Zeit so viele Probleme mit den „Wechselfällen“ des Lebens gab wie in der modernen Wohlstandsgesellschaft. Schlimmerenfalls werden die notwendigen Spannungen, die jedem Übergang in eine neue Lebensphase vorausgehen, medikamentös unterdrückt, sogar Pubertierende schon mit Psychopharmaka ruhig gestellt und Sterbende im Medikamentendelirium auf die Reise ins Jenseits geschickt.

Von der Geburt über Pubertät und Midlife-Crisis bis zum Tod begegnen wir den Übergängen des Lebens mit beeindruckender Hilflosigkeit. Geburten haben wir nicht nur in Krankenhäuser verlegt, sondern zu wirklichen Krankheitsbildern gemacht, Pubertierende werden mangels funktionierender Rituale sich selbst überlassen und müssen versuchen mit Ersatzritualen ins Reich der Erwachsenen hinüberzugelangen, die Krise der Lebensmitte wird medikamentös „abgeschafft“ und, wo das nicht möglich ist, als Krankheit angesehen. Die letzte große Krise des Lebens, den Tod, erlebt die Mehrzahl der Menschen dieser Gesellschaft in Kliniken.

Ein wesentlicher Grund für diese auf den ersten Blick erschreckende, auf den zweiten aber typische Situation, liegt in unserem Mangel an funktionierenden Ritualen. Der tiefere Grund dafür wiederum ist in der Tatsache zu suchen, dass wir aufgehört haben, eine Kultur im engeren Sinne des Wortes zu sein. Tatsächlich ist uns der verbindliche und notwendige Kult abhanden gekommen. Immer weniger moderne Menschen sind so in ihrer Religion verankert, dass ihnen Konfirmation oder Firmung helfen erwachsen zu werden oder die Sterbesakramente den Übergang in die jenseitige Welt ebnen.

Unsere Gesellschaft bildet sich auf diesen Mangel an Ritual und Kult sogar einiges ein, glaubt sie doch damit Aberglauben und Abhängigkeit von irrationalen Mächten zu überwinden. Diesbezüglich fällt allerdings auf, dass die entsprechenden Rituale lediglich in unbewusste Bereiche gedrängt wurden und in der Schattenwelt ein recht wirksames Unwesen treiben. Unbewusste Rituale umgeben uns überall von den seltsam zwanghaften Schrittmustern auf dem Bürgersteig über das Zählen vorbeihuschender Pfosten in der Bahn bis zu jenen Zwängen, die uns die verschlossene Autotür mehrfach kontrollieren lassen. Vor Gericht schlüpfen auch außerhalb der Faschingszeit Erwachsene zumeist männlichen Geschlechts in Kleider und spielen rituell Justitia und wehe, die Beteiligten halten sich nicht an die Regeln des Rituals. Auch die Schulmedizin steckt voller Rituale ohne es zu ahnen. Aus einem guten Arzt lässt sich noch immer ein ordentlicher Schamane machen, statt Kristallen werden heute lediglich Stethoskope aufgelegt. Ohne Rituale könnte eine Praxis kaum funktionieren. Die Chance läge darin, sich ihrer bewusst zu bedienen, anstatt zu versuchen, sie abzuschaffen und dadurch in den Schattenbereich zu drängen. Dafür müsste man seinen Blick schärfen für die Bedeutung entsprechender Rituale und ihrer Symbolik.

Literaturempfehlung: Margit und Ruediger Dahlke, Volker Zahn: „Frauen-Heil-Kunde“ • Bertelsmann, 1999, 510 Seiten, 49,90 Mark • • • Margit und Ruediger Dahl­ke: „Frauenprobleme“ • Meditations-CD, Spielzeit 69 Min., Bauer • • • Ruediger Dahlke „Krankheit als Symbol“ • Bertelsmann, 1996, 501 Seite, 49,80 Mark

 

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