Ku­schel mal wie­der!

Nähe, Zärt­lich­keit, Ku­scheln – mit Men­schen, mit de­nen man we­der ver­wandt noch ver­schwä­gert ist … da­vor ha­ben wir oft Scheu. Aber was tun, wenn ich das Be­dürf­nis nach Kör­per­kon­takt nicht in der Fa­mi­lie, der Be­zie­hung oder mit en­gen Freun­den stil­len kann? Ku­schel­par­tys bie­ten ei­nen ge­schütz­ten Rah­men, in dem die Sehn­sucht nach kör­per­li­cher Nähe Raum be­kommt und nach Her­zens­lust ge­stillt wer­den darf. Die Teil­neh­mer sind voll be­k­lei­det und es gilt: kein Sex! Je­der re­spek­tiert sei­ne ei­ge­nen und die Gren­zen der an­de­ren.

Der Au­tor Ger­hard Schra­bal be­schreibt in sei­nem Buch, war­um Ku­scheln glück­lich macht und wie Ku­schel­par­tys un­se­re Vor­s­tel­lun­gen von In­ti­mität und Nähe er­wei­tern kön­nen. Und nicht ver­ges­sen: Am 21. Ja­nu­ar 2015 ist Welt­k­nud­del­tag!


Berüh­ren und berührt wer­den

Der Mensch ist aus bio­lo­gi­scher Sicht ein Säu­ge­tier. Kör­per­kon­takt und Berüh­run­gen gehö­ren zu sei­nen Grund­be­dürf­nis­sen. Für das klei­ne Kind, das wir al­le ein­mal wa­ren, sind sie über­le­bens­wich­tig. Aber auch vie­le Er­wach­se­ne seh­nen sich nach Kör­per­kon­takt, nach der Berüh­rung nack­ter Haut.

In un­se­rer Kul­tur wird die­ses Be­dürf­nis, wenn über­haupt, nur in Fa­mi­lie und Part­ner­schaft aus­ge­lebt. An­de­rer­seits wächst in Deutsch­land die Zahl der Sin­gles, der Ge­schie­de­nen, der Al­lein­er­zie­hen­den und der al­lein le­ben­den Al­ten stän­dig. Letz­te­re sind be­son­ders be­trof­fen von Ein­sam­keit und Man­gel an Berüh­run­gen. Vie­le von ih­nen le­ben not­ge­drun­gen al­lein oder in Hei­men und ha­ben große Schwie­rig­kei­ten, mensch­li­chen Kon­takt, Auf­merk­sam­keit und eben auch kör­per­li­che Berüh­run­gen zu er­hal­ten. Sie lei­den stumm, weil sie sich mit ih­rer Si­tua­ti­on ab­ge­fun­den ha­ben oder sie viel­leicht so­gar als nor­mal emp­fin­den. Oder sie neh­men un­be­wusst un­ser Ge­sund­heits­sys­tem in An­spruch, um ein Min­dest­maß an Zu­wen­dung zu er­hal­ten.

Aber auch in an­de­ren Al­ters­grup­pen sind die­se un­er­füll­ten Be­dürf­nis­se weit ver­brei­tet. Selbst Men­schen mit leb­haf­tem Se­xu­al­le­ben kön­nen ein De­fi­zit an lie­be­vol­ler Berüh­rung, an An­ge­nom­men­sein und Zu­gehö­rig­keit emp­fin­den. Manch­mal ist es so­gar so, dass eben die­ses Se­xu­al­le­ben da­zu dient, den emp­fun­de­nen Man­gel zu kom­pen­sie­ren. Was aber nicht ge­lingt, weil es sich um ver­schie­de­ne Be­dürf­nis­se han­delt. (…)


Phy­sio­lo­gi­sche As­pek­te

Die Haut ist ei­nes der größ­ten und wich­tigs­ten Or­ga­ne des Men­schen. Ne­ben der phy­si­schen Ab­gren­zung zur Um­welt ver­mit­telt sie auch zahl­rei­che Sin­nes­ein­drü­cke, mit de­nen wir un­se­re Um­welt er­spü­ren und mit ihr in Kon­takt tre­ten.

Die po­si­ti­ven Wir­kun­gen von an­ge­neh­men, lie­be­vol­len Berüh­run­gen die­ser „füh­len­den Hül­le“ auf den ge­sam­ten Kör­per, auf sei­ne Ge­sund­er­hal­tung und auch auf die see­li­sche Ge­sund­heit sind in­zwi­schen recht gut er­forscht. Al­ler­dings sind die phy­sio­lo­gi­schen Zu­sam­men­hän­ge ziem­lich kom­pli­ziert – und für un­ser The­ma im De­tail gar nicht re­le­vant. Wir wol­len da­her an die­ser Stel­le die we­sent­li­chen Er­kennt­nis­se nur kurz zu­sam­men­fas­sen:

Ei­ne we­sent­li­che Wir­kung von Berüh­run­gen ist die Ver­min­de­rung so­ge­nann­ter Stress­hor­mo­ne. Das sind kör­per­ei­ge­ne Bo­ten­stof­fe, die bei emp­fun­de­ner Be­dro­hung den Kör­per auf ei­ne Kampf- oder Flucht­re­ak­ti­on vor­be­rei­ten. (…)

Die zwei­te we­sent­li­che Wir­kung ist die Aus­schüt­tung von so­ge­nann­ten Wohl­fühl- oder Glücks­hor­mo­nen. Hier­zu zäh­len un­ter an­de­rem En­dor­phi­ne, Do­pa­min, Se­ro­to­nin und Oxy­to­cin. Sie wer­den so ge­nannt, weil sie ent­span­nend wir­ken und tatsäch­lich Glücks­ge­füh­le her­vor­ru­fen. We­gen der mit Rausch­gif­ten ver­gleich­ba­ren Wir­kung wer­den sie auch als kör­per­ei­ge­ne (en­do­ge­ne) Dro­gen be­zeich­net. Im Ge­gen­satz zu exo­ge­nen, das heißt kör­per­frem­den Dro­gen sind sie aber nicht ge­sund­heits­schäd­lich, son­dern im Ge­gen­teil ge­sund­heits­för­dernd. Sie stär­ken das Im­mun­sys­tem und för­dern all­ge­mein das ge­sund­heit­li­che Wohl­be­fin­den. Bei Kin­dern för­dern sie die kör­per­li­che und geis­ti­ge Ent­wick­lung. Die voll­s­tän­di­ge Lis­te der heil­sa­men Wir­kun­gen ist auch hier zu lang, um im De­tail dar­auf ein­ge­hen zu kön­nen. Wir hal­ten da­her nur fest, dass wir hier – ganz all­ge­mein – die phy­sio­lo­gi­sche Grund­la­ge des Glück­lich­seins ge­fun­den ha­ben.

Be­son­de­re Er­wäh­nung ver­dient das als „Ku­schel­hor­mon“ oder auch als „Be­zie­hungs­hor­mon“ be­zeich­ne­te Oxy­to­cin. Es wird im Hy­po­tha­la­mus ge­bil­det, von der Hy­po­phy­se ge­spei­chert und bei Be­darf aus­ge­schüt­tet. Dies ge­schieht in be­son­ders ho­hen Do­sen bei Frau­en wäh­rend des Stil­lens und wäh­rend des Or­gas­mus. Ge­rin­ge­re Do­sen wer­den bei zärt­li­cher Berüh­rung (Strei­cheln, Um­ar­men etc.) frei­ge­setzt. Oxy­to­cin stärkt auf die­se Wei­se so­wohl die Paar­bin­dung als auch die Mut­ter-Kind-Bin­dung. Auch un­ter völ­lig Frem­den för­dert es Ver­trau­en und Be­zie­hungs­be­reit­schaft. Bei Kon­flik­ten wirkt es de­es­ka­lie­rend. In Grup­pen för­dert es den Zu­sam­men­halt.

Oxy­to­cin löst ein Ge­fühl der Be­hag­lich­keit und Ge­bor­gen­heit aus und wirkt eu­pho­ri­sie­rend und be­ru­hi­gend. (…)


Berüh­rung und Se­xua­lität

In Deutsch­land wird kör­per­li­che Berüh­rung un­ter Er­wach­se­nen na­he­zu aus­schließ­lich mit Se­xua­lität as­so­zi­iert. Man gibt sich die Hand – oder man geht zu­sam­men ins Bett. Da­zwi­schen gibt es nicht viel „Spiel­raum“. Ins­be­son­de­re un­ter Män­nern wird Kör­per­kon­takt ver­mie­den, haupt­säch­lich aus Angst als ho­mo­se­xu­ell zu gel­ten. Und Frau­en sind Män­nern ge­genüber häu­fig be­tont zu­rück­hal­tend, um kei­nen „fal­schen Ein­druck“ zu er­we­cken. Selbst in­ner­halb sta­bi­ler Be­zie­hun­gen ge­lingt es häu­fig nicht, sich ein­fach nur so zu berüh­ren und den Be­darf an ganz nor­ma­len Strei­chel­ein­hei­ten zu de­cken. Ku­scheln oh­ne Sex ist al­so für uns Deut­sche kaum vor­stell­bar. Und so be­fin­den wir uns in der pa­ra­do­xen Si­tua­ti­on, dass, wäh­rend Sex in un­se­rer Ge­sell­schaft lang­sam ent­ta­bui­siert wird, „ein­fach nur ku­scheln“ im­mer noch ein Ta­bu ist.

Wir er­kau­fen uns da­her Berüh­rung, in­dem wir Hun­de oder Kat­zen hal­ten, zur Mas­sa­ge oder zum The­ra­peu­ten ge­hen. Die ste­tig wach­sen­de Nach­fra­ge nach so­ge­nann­ten Well­ness-, Tan­tra- und sons­ti­gen kör­per­o­ri­en­tier­ten Se­mi­na­ren hat sei­ne Ur­sa­che ver­mut­lich eben­falls in der all­ge­mei­nen la­ten­ten Sehn­sucht nach Berüh­run­gen. Für vie­le Men­schen er­scheint hin­ge­gen der Ver­zicht auf die­ses Grund­be­dürf­nis so selbst­ver­s­tänd­lich, dass sie sich ei­ne Er­fül­lung ih­rer ei­ge­nen Be­dürf­nis­se gar nicht mehr vor­s­tel­len kön­nen be­zie­hungs­wei­se wol­len.


Ge­bor­gen­heit

Der Mensch ist an­thro­po­lo­gisch ge­se­hen ein Her­den­tier. Er ist dar­auf an­ge­legt, mit an­de­ren Men­schen in ei­ner klei­nen Grup­pe (Hor­de) zu­sam­men­zu­le­ben. In un­se­rer ur­sprüng­li­chen Um­welt war die Zu­gehö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe über­le­bens­not­wen­dig. Die­se Ge­bor­gen­heit, in ih­rer stärks­ten Form emp­fun­den als An­ge­nom­men­sein, ist auch heu­te noch wich­tig für ein in­tak­tes Ge­fühls­le­ben und qua­si „Bal­sam für die See­le“.

Bei an­de­ren Her­den­tie­ren wie zum Bei­spiel Hun­den ist das so­ge­nann­te Kon­takt­lie­gen be­kannt. Das Ru­del legt sich in ei­ner be­stimm­ten Ord­nung zu­sam­men, ge­ge­be­nen­falls hal­ten zwei Tie­re Wa­che, und der Rest döst vor sich hin. Das ge­mein­sa­me Zur-Ru­he-Kom­men, der Aus­tausch von Kör­per­wär­me, das Sich-ge­gen­s­ei­tig-Rie­chen die­nen zum ei­nen der Ent­span­nung des ein­zel­nen Tiers, zum an­de­ren dem Zu­sam­men­halt und dem so­zia­len Frie­den in­ner­halb des Ru­dels: Ich ha­be mei­nen Platz und gehö­re da­zu.

Ähn­li­ches ge­schieht auf ei­ner Ku­schel­par­ty. Das Lei­tungs­team „steht Wa­che“ und sorgt für ei­nen si­che­ren Rah­men. Die Teil­neh­mer ent­span­nen sich auf der Mat­te und ge­nießen das Ge­fühl des Zu­sam­men­lie­gens, der Zu­gehö­rig­keit und des be­din­gungs­lo­sen An­ge­nom­men­seins. In die­ser „Grup­pen­me­di­ta­ti­on“ ent­steht ei­ne „Ku­schel­e­ner­gie“, in der man re­gel­recht ba­den kann (…).


Ab­druck mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung
des Schirner Ver­lags
aus dem Buch:

Ku­schel dich glück­lich. Die hei­len­de En­er­gie von Ku­schel­par­tys

von Ger­hard Schra­bal

(2014, Pb., 248 Sei­ten, 16,95 Eu­ro)

Le­sen Sie auch die Buch­be­sp­re­chung.








(Fo­to oben: G.Wol­ters/Fo­to­lia.com)

 


erschienen am: 12.12.2014
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