„Und ich be­weg' mich doch“

„Geist­hei­lung? Ach, lasst mich doch in Frie­den da­mit!“ Das ist die Re­ak­ti­on der an Mul­ti­pler Skle­ro­se er­krank­ten Na­z­an Gül, als ihr Bru­der, der mit gu­ten Rat­schlä­gen nie spar­sam ist, ihr vor­schlägt, zu ei­nem Hei­ler nach An­ta­lya zu flie­gen. Na­z­an hat­te be­reits auf vie­le Ar­ten Hei­lung von der Krank­heit ge­sucht, aber die MS war im­mer wei­ter vor­an­ge­schrit­ten.

Mit der Fra­ge im Her­zen, ob sie die Rei­se trotz ih­rer großen Skep­sis an­t­re­ten soll, geht die jun­ge Deutsch­tür­kin schla­fen – und be­kommt ei­ne Ant­wort, die sie all ih­ren Wi­der­s­tän­den zum Trotz we­ni­ge Ta­ge spä­ter das Flug­zeug nach An­ta­lya be­s­tei­gen lässt. Na­z­an Gül hat ih­re Ge­schich­te auf­ge­schrie­ben – le­sen Sie hier ei­nen Aus­zug aus dem im April er­schie­ne­nen Buch


Pünkt­lich um zehn Uhr mor­gens lag ich mit ge­sch­los­se­nen Au­gen auf Ars­lans Lie­ge und lausch­te sei­ner mir in­zwi­schen ver­trau­ten Stim­me, mit der er mir ge­ra­de et­was vor­las: „Je­de Ur­sa­che hat ih­re Wir­kung, je­de Wir­kung ih­re Ur­sa­che. Al­les ge­schieht nach die­sem her­me­ti­schen Ge­setz. Zu­fall ist nur der Na­me für ei­ne noch nicht er­kann­te Ge­setz­mäßig­keit. Nach der Cha­os­theo­rie kann der Flü­gel­schlag ei­nes Schmet­ter­lings in Chi­na ei­nen Wir­bel­s­turm in der Süd­see aus­lö­sen. Doch wir sind un­fähig, die Kau­sal­ket­te zu er­ken­nen. Es gibt vie­le Ebe­nen der Ur­säch­lich­keit, aber kei­ne, die nicht dem Ge­setz un­ter­liegt. Es be­sagt, dass das Uni­ver­sum oh­ne je­de Aus­nah­me die­sem Ge­setz un­ter­liegt und nichts zu­fäl­lig ge­schieht. Im Tal­mud heißt es:

Ach­te auf dei­ne Ge­dan­ken, denn sie wer­den zu Wor­ten. Ach­te auf dei­ne Wor­te, denn sie wer­den zu Hand­lun­gen. Ach­te auf dei­ne Hand­lun­gen, denn sie wer­den zu Ge­wohn­hei­ten.

Ach­te auf dei­ne Ge­wohn­hei­ten, denn sie wer­den dein Cha­rak­ter. Ach­te auf dei­nen Cha­rak­ter, denn er wird dein Schick­sal, dein Kar­ma.“

Ars­lan leg­te das Buch zur Sei­te.

„Na­z­an, das ist ein wun­der­ba­res Bei­spiel für ei­ne zu­tref­fen­de Kau­sal­ket­te. Für mich als Scha­ma­nen gibt es zwei Ur­sa­chen ei­ner Er­kran­kung: En­er­gie­ver­lust und das Ein­drin­gen un­er­wünsch­ter Kräf­te. Da­her ist ei­ne mei­ner Auf­ga­ben als dein Hei­ler, dei­nen En­er­gie­haus­halt wie­der auf­zu­fül­len und aus­zu­g­lei­chen. Die an­de­re ist es, in dich ein­ge­drun­ge­ne Kräf­te zu ent­fer­nen. An bei­dem ar­bei­te ich be­reits. Aber es geht nur mit dei­ner Un­ter­s­tüt­zung, wie ich dir schon mehr­fach ge­sagt ha­be. Des­halb wer­de ich dir jetzt bei­brin­gen, dich auf dein drit­tes Au­ge zu kon­zen­trie­ren. Die­se Übung ist ei­ne der ein­fachs­ten Me­tho­den, um auf­merk­sam zu wer­den und Ge­wahr­sein zu er­lan­gen. Das Zen­trum in dei­ner Stirn nimmt Be­wusst­heit in sich auf wie sonst nichts an­de­res in dei­nem phy­si­schen Kör­per. Es ist wie ein Ma­g­net. Al­le Me­tho­den­leh­ren der Welt ha­ben da­von Ge­brauch ge­macht. Es ist das ein­fachs­te Mit­tel, dei­ne Auf­merk­sam­keit zu schu­len. Aber du musst mit dei­nen Au­gen den rich­ti­gen Punkt fin­den. Erst wenn du sie nicht mehr be­we­gen kannst, weißt du, dass du ihn ge­trof­fen hast. Du wirst dann ein selt­sa­mes Phä­no­men er­le­ben: Du siehst dei­ne Ge­dan­ken vor dir ab­lau­fen und wirst zum Zu­schau­er, zum Zeu­gen. Wenn du auf das drit­te Au­ge kon­zen­triert bist, siehst du plötz­lich die Ge­dan­ken wie Wol­ken am Him­mel, die er­sch­ei­nen, an dir vor­bei­zie­hen und sich auf­lö­sen. Du schaust ih­nen zu und bist nicht mehr mit ih­nen iden­ti­fi­ziert. Du hast Ab­stand zu ih­nen. Wenn Wut kommt, kannst du sie in Ru­he be­trach­ten. Du hast nicht das Ge­fühl, dass du Wut bist. Du hast das Ge­fühl, von Wut um­ge­ben zu sein, ei­ne Wol­ke aus Wut hat sich um dich ge­legt. Aber du bist nicht die Wut. Und wenn du nicht die Wut bist, wird die Wut macht­los. Die Wut kommt und geht, aber du ruhst in dei­ner Mit­te.

Des­halb, egal, was pas­siert, ver­su­che im­mer, ein Zeu­ge zu sein. Du bist krank, dein Kör­per schmerzt. Du lei­dest und fühlst dich elend. Sei ein Zeu­ge. Iden­ti­fi­zie­re dich nicht da­mit. So­bald du nicht mehr Be­trof­fe­ner bist, son­dern Zeu­ge wirst, bist du wirk­lich im drit­ten Au­ge zen­triert. So, und jetzt pro­bie­re aus, was ich ge­ra­de be­schrie­ben ha­be.“

Ars­lan ver­s­tumm­te.

Ich ver­such­te, sei­ne An­wei­sun­gen zu be­fol­gen. Tatsäch­lich ge­lang es mir mühe­los, mei­ne Au­gen in mei­ner Stirn­mit­te „ein­ras­ten“ zu las­sen.

So­fort tauch­ten ei­ne Men­ge Bil­der in mir auf, die wie ein Film im Zeit­raf­fer lie­fen. Dann ver­lang­sam­te sich der Bil­der­fluss. Ich sah mich in ei­nem dämm­ri­gen Wald durch ein dich­tes Un­ter­holz auf ei­ne Lich­tung zu­ge­hen. Die Lich­tung wur­de vom Son­nen­licht be­schie­nen, doch je näher ich ihr kam, des­to schwächer wur­de es. Dun­kel­heit brei­te­te sich aus. Ich be­kam Angst und fing an zu ren­nen. Ge­ra­de als der letz­te Licht­strahl hin­ter ei­ner Wol­ke ver­schwand und es stock­fins­ter wur­de, er­reich­te ich die Lich­tung. Ich konn­te nicht die Hand vor Au­gen se­hen, und es wur­de ent­setz­lich kalt. Die Ei­ses­käl­te drang in je­de Fa­ser mei­nes Kör­pers. Sie ließ mich all­mäh­lich er­star­ren. Ich hat­te Angst zu er­frie­ren und be­kam Pa­nik.

‚Dreh dich ein­fach um’, ver­nahm ich Ars­lans Stim­me in mei­nem Kopf. Folg­sam wen­de­te ich mich um. Ich starr­te in ein hel­les weißes Licht und schloss ge­blen­det die Au­gen. Von dem Licht ging ei­ne wohl­tu­en­de Wär­me aus, die so­fort den Frost aus mei­nem Kör­per ver­trieb. Schlag­ar­tig fiel mei­ne Angst von mir ab. Mei­ne Er­star­rung lös­te sich. Ich fühl­te mich leicht und glück­lich. Wie als klei­nes Mäd­chen fing ich an, auf ei­nem Bein zu hüp­fen. Dann rann­te ich los. Plötz­lich hob ich vom Bo­den ab und schoss mit un­vor­stell­ba­rer Ge­schwin­dig­keit auf die Licht­quel­le zu, die mich ma­gisch an­zog. Ich tauch­te in sie hin­ein und fühl­te so­fort, wie die Licht­wel­len und -kor­pus­keln in je­de Fa­ser mei­nes Kör­pers hin­ein­schos­sen. Ei­ne un­ge­heu­re En­er­gie­wel­le er­fass­te mich und ließ je­de mei­ner Zel­len vi­brie­ren. Aber nicht nur das. Ich hat­te das Ge­fühl, zu ei­nem geis­ti­gen Atom­pilz ge­wor­den zu sein, der sich im­mer wei­ter aus­dehn­te und da­bei al­les ver­brann­te, was an Schla­cke, Dreck und Ab­la­ge­run­gen in mir vor­han­den war. Mei­ne kleins­ten Tei­le ent­fern­ten sich von­ein­an­der. Ich konn­te da­bei zu­se­hen, wie die dunk­len Ab­la­ge­run­gen in den ent­s­te­hen­den Zwi­schen­räu­men wie win­zi­ge Luft­bal­lons zer­platz­ten. Auf ein­mal stopp­te die Aus­deh­nung. Ganz lang­sam zo­gen sich mei­ne Ele­men­te wie­der zu­sam­men. Sie nah­men al­le ih­ren an­ge­stamm­ten Platz ein. Das gan­ze Sys­tem hat­te sich er­neut jus­tiert.

Im nächs­ten Au­gen­blick wur­de ich von ei­ner Rie­sen­faust am Ge­nick ge­packt und aus der Licht­quel­le hin­aus­ge­schleu­dert. Ich lan­de­te sanft auf dem wei­chen Moos der Lich­tung, ein­ge­hüllt in Wol­ken, die in al­len Far­ben des Spek­trums leuch­te­ten. Ein tie­fes Glücks­ge­fühl durch­ström­te mich. Ich fühl­te mich so rein wie ein neu­ge­bo­re­nes Kind.

„Jetzt zäh­le ganz lang­sam bis drei, und dann öff­ne die Au­gen. Nimm dein Ge­fühl mit ins Hier und Jetzt!“, ver­nahm ich Ars­lans Stim­me.

Et­was wi­der­wil­lig folg­te ich sei­ner Auf­for­de­rung und hob schließ­lich mei­ne Li­der. Ars­lan stand ganz ru­hig ne­ben der Lie­ge und sah mir in die Au­gen.

„Es ist al­les bes­tens und wun­der­bar. Aber noch sind wir nicht so weit, dass ich dich län­ger in der Quel­le des Lichts las­sen darf. Wir ha­ben zu­erst vier Klas­sen zu durch­lau­fen, be­vor du wie­der ge­heilt bist und die Schu­le ver­las­sen darfst. Ein schö­nes Bild, fin­dest du nicht?“

Er ki­cher­te in sich hin­ein. Dann zog er die Stirn in Fal­ten. „In der Licht­quel­le wur­den zwar auch die letz­ten Res­te al­ler Ver­schmut­zun­gen und Ab­la­ge­run­gen in dei­nem phy­si­schen Kör­per ent­fernt. Aber lei­der nicht end­gül­tig. Wir müs­sen an die Wur­zel al­len Ü­bels her­an: an dein ver­än­der­tes Ich. Das holt al­le Miss­s­tän­de mit sei­nen Kon­di­tio­nie­run­gen, Ängs­ten und Wün­schen im­mer wie­der zu­rück. Die­se Ei­gen­schaf­ten dei­nes ver­än­der­ten Ichs müs­sen wir auf­lö­sen, sonst kann dei­ne Hei­lung nie von Dau­er sein. Jetzt ist dein Kör­per zwar wie­der voll­kom­men funk­ti­ons­fähig, und er müss­te nur noch ‚ge­star­tet’ wer­den – wie ein Mo­tor, der lan­ge nicht ge­lau­fen ist. Aber das ver­schie­ben wir bes­ser, bis dein ver­än­der­tes Ich mit dei­nem wah­ren Ich ver­schmol­zen ist.“

(Fo­to: © crea­ti­va Shut­ter­stock)

 




Ab­druck mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Tri­ni­ty Ver­la­ges
aus dem Buch:

NA­Z­AN GÜL: Und ich be­weg mich doch. Die Ge­schich­te
ei­ner geis­ti­gen Hei­lung • Tri­ni­ty 2013, TB, 240 Sei­ten,
16,99 Eu­ro

 

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen auch un­ter: www.na­z­an-guel.de







erschienen am: 28.06.2013
Artikel drucken



Yo­ga ist ei­ne lan­ge Rei­se – al­so kein An­lass zur Ei­le



Yo­ga & Me­di­ta­ti­on



Die Poe­sie der Re­gen­schir­me



Nimm Dir Zeit für Krea­ti­vität



Sum­mer in the Ci­ty



Som­mer­zeit ist Fes­ti­val­zeit



Kin­der­Som­mer



Gurdjieffs Mo­ve­ments – äuße­re Er­schei­nung und in­ne­re Er­fah­rung



Hei­lung ist Rück­kehr zur Ba­lan­ce



Die Himm­li­schen Kon­s­tel­la­tio­nen in Ju­li und Au­gust 2016